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Fernlesen mit Foucault? Überlegungen zur Praxis des distant reading und zur Operationalisierung von Foucaults Diskursanalyse


Diskursanalyse im Code, oder: Lassen sich Michel Foucaults "Archäologie" und Franco Morettis "Distant Reading" miteinander vereinbaren?

Während die Diskussionen über Standards, Tools und Workflows einen großen Raum in den Digital Humanities[1] einnehmen, findet eine Reflexion des Ortes, den geisteswissenschaftliche Praktiken wie das Interpretieren, das Verstehen, vielleicht auch nur das historische Kontextualisieren in diesem Gefüge von Forschungsbestrebungen einnehmen, eher selten statt. Bezeichnend für diese Situation ist, dass ein Begriff wie der des distant reading zwar in aller Munde ist, eine Verständigung darüber, was dieser Methodenbegriff bedeuten soll, aber allenfalls beiläufig erfolgt ist. Meist scheint ein Verweis auf die Arbeiten von Franco Moretti bereits auszureichen, um ein gemeinsames Begriffsverständnis zu suggerieren. Im Folgenden soll diese Situation zum Anlass für eine Diskussion unserer eigenen Forschungspraxis genommen werden. In diesem Sinne wird zunächst grundlegend über das disziplinäre Selbstverständnis der Digital Humanities im Allgemeinen sowie über den Begriff, vor allem aber über die Methode des distant reading im Besonderen zu reflektieren sein. Insofern geht es uns auch darum, über das wohl dringendste Desiderat in einem sich so breit aufstellenden Feld nachzudenken: "establishing solid epistemological foundations for the Digital Humanities, which is necessitated by the increasingly important role attributed to digital tools in humanistic research".[2] Von dieser selbstkritischen Standortbestimmung ausgehend, werden wir abschließend einen Blick in Richtung Foucaults Diskursanalyse werfen, wobei es uns – die wir weder Diskursanalytiker noch Diskurstheoretiker sind – weniger um eine konzeptionelle Grundlegung einer 'digitalen foucaultianischen Diskursanalyse' geht, sondern lediglich darum, Anregungen zu liefern für die Diskussion des Zusammenspiels von Diskursanalyse und distant reading (oder auch Digital Humanities).


I. DISTANT READING: EIN BEISPIEL ZUR EINFÜHRUNG

Im abschließenden Artikel des Bandes Distant Reading,[3] der so etwas wie ein Resümee seiner Arbeiten zu diesem Begriff darstellt, widmet sich Franco Moretti, unter Zuhilfenahme der Netzwerkanalyse, Shakespeares Hamlet.[4] Dabei betrachtet er unter anderem die Zentralitätsindizes von Figuren in jenem Netzwerk, das er zu Hamlet erstellt hat. Zentralitäten sind in der Netzwerkanalyse weit verbreitete Maße, um die strukturelle Güte einer Position im Netzwerk zu bestimmen. Eines dieser Maße ist die average distance, also, vereinfacht formuliert, die durchschnittliche Distanz eines Netzwerkknotens zu allen anderen Knoten im Netzwerk. Moretti schlägt nun – über einen kleinen Umweg – vor, dass die Figur mit der niedrigsten average distance der Protagonist eines Textes sein könnte. Und in der Tat: In Hamlet kommt Hamlet die niedrigste average distance zu, genau gesagt: 1,45.[5] Er kann also, so Moretti, als zentrale Figur, als Protagonist der Hamlet-Tragödie gelten.

Dass Hamlet der Protagonist von Hamlet ist, wird nun kaum jemanden ernsthaft verblüffen. Dass der netzwerkanalytische Zentralitätsindex der average distance offenbar so zielsicher den Protagonisten identifizieren kann, hingegen schon. Erstaunlicherweise trifft das sogar häufiger zu, wie ein Blick auf einige Werte aus unserem dlina-Projekt zeigt:[6]


Quelle: https://dlina.github.io/

Cato wäre der Protagonist von Gottscheds Cato; Lady Johanna wäre die Protagonistin von Wielands Lady Johanna Gray; Julius wäre Protagonist von Leisewitz' Julius von Tarent; und der Prinz von Homburg wäre der Protagonist von Kleists Prinz Friedrich von Homburg. Nicht nur ist die im Titel des jeweiligen Dramas genannte Figur mit dem netzwerkanalytisch identifizierten 'Protagonisten' identisch (was natürlich kein Automatismus ist, bei Emilia Galotti sieht das zum Beispiel ganz anders aus), auch reproduzieren die Ergebnisse, was viel wichtiger ist, einen breiten Konsens in der interpretativen Literaturwissenschaft. Mit dem kleinen Unterschied, dass für unsere Ergebnisse keiner der Texte von einem Menschen gelesen werden musste. Ein geglücktes Beispiel für die Konvergenz von digitaler und traditioneller Literaturwissenschaft also? Ein Beispiel gar für das Zukunftspotenzial von distant reading?

Das Gegenteil ist der Fall. Aussagen des Typus: "Der Prinz ist der Protagonist von Kleists Prinz Friedrich von Homburg, weil er mit 4,16 die niedrigste average distance aller Figuren aufweist", haben tatsächlich eher das Potenzial, die gesamte Unternehmung der Digital Humanities in Verruf zu bringen. Und in gewisser Weise muss man dies auch allgemein von Morettis distant reading-Projekt sagen, das in jener Form, in der Moretti es betrieben hat, vorerst als gescheitert gelten kann. Aber aus diesem Scheitern lässt sich lernen, und einiges deutet darauf hin, dass Moretti gerade bestrebt ist, so etwas wie sein eifrigster Schüler zu werden.

Doch dazu – ebenso wie zur Problematik der netzwerkanalytischen Protagonistendefinition – später mehr. Zuvor wollen wir in einem ersten Schritt einen knappen Überblick über einige konzeptionelle Frontlinien in der Diskussion über die Digital Humanities geben. Im Mittelpunkt wird dabei die Identifikation einer recht folgenreichen disziplinären Differenz stehen (Kapitel 2). In einem zweiten Schritt soll dann die soeben formulierte These vom Scheitern des distant reading etwas ausführlicher kommentiert werden (Kapitel 3), um dann schließlich, wie erwähnt, einige Lehren aus diesem Scheitern zu erwägen (Kapitel 4).


II. DISTANT READING UND DISZIPLINÄRE DIFFERENZ

Wollte man es möglichst einfach fassen, dann könnte man die Digital Humanities als den Versuch begreifen, informatische und geisteswissenschaftliche Disziplinen auf näher zu klärende Weise zu kombinieren. Effekt dieses Kombinationsversuchs ist geradezu zwangsläufig ein Prozess der Aushandlung, in dem Fragen nach der dominanten Disziplinarität der Digital Humanities aufgeworfen werden – mit all den Anschlussfragen, die dazugehören, also etwa nach epistemologischen Figuren, nach spezifischen Praktiken, nach den Formen der Institutionalisierung und der Kommunikation.[7] Worin die disziplinäre Eigenart der Digital Humanities bestehe, wird denn auch eingehend diskutiert.[8] Neben zahlreichen Vermittlungsversuchen – etwa Stephen Ramsays Konzept des algorithmic criticism[9] oder, auf ganz andere Weise, Matthew Kirschenbaums digital forensics[10] – zeigt sich dabei immer wieder ein entschiedenes Moment der disziplinären Differenz, in der sich informatische und geisteswissenschaftliche Konzeptualisierungen agonal gegenüberstehen.

Nehmen wir ein Beispiel, das grundsätzlich aus den Geisteswissenschaften, aus den humanities heraus argumentiert. Alan Liu hat, aus Sicht des cultural criticism, in mehreren Beiträgen die Frage nach der disziplinären Relevanz der Digital Humanities aufgeworfen,[11] wobei es ihm dabei, genauer, um die Relevanz der Digital Humanities als humanities geht.[12] Diese Relevanz zeige sich, so Liu, insbesondere darin, welchen Stellenwert die Digital Humanities dem Konzept der Bedeutung (meaning) einräumen. Wenn sie als humanities gelten wollen, dann müssen sie nämlich meaning als einen disziplinären 'metavalue' der humanities anerkennen; sie müssen mithin Bedeutung, müssen Sinn beobachten und – in Form ihres Outputs – kommunizieren. Die Relevanz, ja die Legitimität der Digital Humanities als Teil der humanities steht und fällt also, nach Liu, mit der Bereitschaft, sich an der Weise der Wissensproduktion zu beteiligen, die die humanities zu allererst konstituiert. Und das ist eben eine sinnorientierte, bedeutungsorientierte Wissensproduktion. In diesem Sinne fragen auch Ryan Heuser und Long Le-Khac im vierten Pamphlet des Stanford Literary Lab (Liu widmet sich in seinem Aufsatz "The Meaning of Digital Humanities" intensiv diesem Pamphlet):

The general methodological problem of the digital humanities can be bluntly stated: How do we get from numbers to meaning? The objects being tracked, the evidence collected, the ways they're analyzed—all of these are quantitative. How to move from this kind of evidence and object to qualitative arguments and insights about humanistic subjects—culture, literature, art, etc.—is not clear.[13]

Nun ist es aus Sicht von Liu nicht nur so, dass der methodische Weg zu den 'qualitativen Einsichten' noch nicht ganz klar sei; es ist vielmehr gar nicht klar, ob die Digital Humanities einen solchen Weg überhaupt beschreiten wollen. In einer polemischen Passage, die zu einigen weiteren Diskussionen führte,[14] hat Liu jedenfalls ein Bild der Digital Humanities entworfen, in dem die Suche nach 'qualitativen Einsichten', nach meaning, keinen Platz hat:

It is as if […] digital humanists just concentrate on pushing the 'execute' button on projects that amass the most data for the greatest number, process that data most efficiently and flexibly (flexible efficiency being the hallmark of postindustrialism), and manage the whole through ever 'smarter' standards, protocols, schema, templates, and databases uplifting Frederick Winslow Taylor's original scientific industrialism into ultraflexible postindustrial content management systems camouflaged as digital editions, libraries, and archives […].[15]

Für manch einen mag das wie ein Horrorszenario klingen. Umso unwohler haben wir uns gefühlt, als wir diese Stelle zum ersten Mal lasen. Denn nur wenige Wochen vorher waren wir selbst, im Rahmen unseres dlina-Projekts, sozusagen dem Eros des 'pushing the button' erlegen, sogar ein Video haben wir davon gemacht:

Wir zeigen das, auch um uns einzugestehen, dass Liu durchaus an einer Sache dran ist, die sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt. Digital Humanities haben in der Tat etwas mit "concentrate on pushing the 'execute' button" zu tun – wobei sich der Eros dieser Handlung ganz wesentlich daraus speist, wie viel zu tun ist, bis es überhaupt möglich ist, den Knopf zu drücken. Und natürlich auch aus dem, was dann geschieht, sodass auch die Statusmeldungen, die auf dem Bildschirm erscheinen, keineswegs Selbstzweck sind, sondern den Prozess des Debugging nachvollziehbar machen.

Aber noch einmal zurück zu Lius Polemik: Ganz unabhängig davon, ob dies eine zutreffende Beschreibung ist (oder auch nur sein will), zeigt sich hier implizit etwas, was man agonale Disziplinarität nennen könnte. Die Zurecht- und auch Zurückweisung einer bestimmten Praxis der Digital Humanities durch die humanities, die in dieser Passage vorgenommen wird, ist radikal. Im Grunde durchstreicht Liu die humanities in den Digital Humanities, denen hier – so eine Formulierung von Gary Hall – letztlich "data fetishism"[16] vorgeworfen wird. Wie auch der Hinweis auf eine vermeintlich dem "scientific postindustrialism" verpflichtete Ideologie stellt ein solcher Vorwurf dabei einen agonalen Akt dar, vorgenommen aus einer spezifischen, aus den humanities heraus argumentierenden Perspektive. Gleichwohl haben diese Akte einen deskriptiven Kern: Denn tatsächlich benennt Liu gänzlich andere Praktiken, als sie die humanities pflegen, eben informatische Praktiken, zum Beispiel das data processing und das content management.

Man kann die Sache aber auch ganz anders bewerten. So sieht etwa Tom Scheinfeldt in seinem Essay Sunset for Ideology, Sunrise for Methodology? (in dem auch ein wenig Chris Andersons "End of Theory"[17] nachhallt) die Stärke der Digital Humanities gerade im Verzicht auf das, was aus Sicht Alan Lius allererst deren Anspruch als humanities rechtfertigen würde.[18] Optimistisch blickt Scheinfeldt nämlich einer "new phase of scholarship" entgegen, eine Phase, "that will be dominated not by ideas but […] by organizing activities".[19] Anders als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, jener Zeit der "ideas and theoretical frameworks", liege der Fokus nicht mehr auf der Entwicklung von "new theories", nun gehe es um "new methods".[20] Deutlicher noch wird die sich hier manifestierende disziplinäre Differenz in einem Statement von Jean Bauer, die den von Seiten der humanities geäußerten Vorwurf, den Digital Humanities mangle es an Theorie, mit der geradezu sloganhaften Formel begegnete: "The database is the theory! This is real theoretical work".[21] Es unterscheiden sich eben selbst die Vorstellungen davon, was Theorie ist. Diese Frontstellung ließe sich nun weiter kontextualisieren und historisieren, ließe sich etwa in Beziehung setzen zu unterschiedlichen Modellierungen von Wissenschaftskulturen, sei es der szientifischen und der kulturalistischen, sei es der quantitativen und der qualitativen, sei es der empirischen und der spekulativen, sei es der positivistischen und der kritischen. Man würde dann vielleicht auf Problembeschreibungen – und womöglich gar auf Lösungen – stoßen, die bereits Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte alt sind.

Im Rahmen dieses Beitrags könnte aber eine andere Wendung der Sache interessanter sein. Denn jenseits der Frage, ob und wie es zu Kombinationsversuchen zwischen Digital Humanities und Diskursanalyse kommen könnte oder sollte, erscheint das Feld der Digital Humanities – dieses "array of convergent practices"[22] wie es das Digital Humanities Manifesto 2.0 nennt – als bemerkenswertes Untersuchungsobjekt der Diskursanalyse. Und das keineswegs allein zum Selbstzweck, sondern auch zur Erhellung der disziplinären Differenz, die in den Digital Humanities rumort. Die Arbeiten von Liu sind dabei ein erster Versuch, wenngleich ein parteiischer, was aber durchaus im Sinne von Foucaults letztlich ja kritischem Projekt der Diskursanalyse sein könnte. Indem Liu eine Art neoliberalen Posttaylorismus als Grundlage insbesondere der informatischen Digital Humanities identifiziert, legt er jedenfalls, aus seiner Sicht, einige der Prinzipien ihres 'ideologischen Funktionierens' als Wissenschaft offen. Und mehr noch: Er zeigt sich bemüht, dieses Funktionieren nicht nur "erscheinen zu lassen", sondern auch "umzugestalten", etwa indem er eine spezifische Disziplinarität der Digital Humanities, wie es bei Foucault heißt, "als diskursive Formation in Frage [stellt]" und "gegen das Formationssystem ihrer Gegenstände, ihrer Äußerungstypen, ihrer Begriffe, ihrer theoretischen Wahlmöglichkeiten" angeht.[23]

Erfasst ist damit jedoch nur die eine Seite der disziplinären Differenz.[24] Notwendig wäre aus unserer Sicht eine übergreifende, sachliche Rekonstruktion dieser Differenz in ihrer zweiseitigen, eben differenziellen Logik. Herauszuarbeiten wären etwa die unterschiedlichen Epistemologien: Wie zum Beispiel funktioniert die mitunter sogenannte informatische "epistemology of building"?[25] Was für Praktiken gehen mit ihr einher[26] – und wie unterscheiden sich diese von den Praktiken, wie sie innerhalb der humanities zu beobachten sind? Worin, um nur ein Beispiel zu nennen, bestehen eigentlich genau die Unterschiede zwischen dem processing oder auch dem management von Inhalten auf der einen und der Interpretation von Texten auf der anderen Seite?

Herauszuarbeiten wären darüber hinaus auch die unterschiedlichen Subjektkonzepte, die Wissens- und Theoriebegriffe, wären zudem die unterschiedlichen Arten von Gegenständen: Immerhin stehen sich in den Digital Humanities als einer wie auch immer gearteten Verbindung von informatischer und geisteswissenschaftlicher Disziplin so unterschiedliche Wissensobjekte wie Korpora und Texte gegenüber, wenn nicht sogar Korpora und Kunstwerke, wobei für Korpora gilt, was Moretti bei einem Vortrag im Sommer 2015 pointiert gesagt hat: "they have no meaning".[27] Was wiederum auf die – wie das vorhin angeführte Zitat von Heuser und Le-Khac veranschaulicht – zentrale Differenz im Feld der Digital Humanities hinweist, nämlich die zwischen numbers und meaning; man könnte auch sagen: zwischen data und meaning. Die Diskontinuität, die zwischen diesen beiden epistemischen Objekten besteht, zeigt sich dabei etwa auch dort, wo sich in die einstmals geisteswissenschaftlichen Praktiken gewissermaßen ein Bruch einschreibt, wo eine grundlegende Verschiebung stattfindet, so etwa beim Begriff des machine reading.[28] Denn was für ein Verständnis von der Praxis des Lesens wird hier aktualisiert? Haben wir es in einem solchen Fall nicht mit einem ebenso posthumanistischen wie posthumanen Begriffsverständnis zu tun?[29] Ein Lesen, frei von Bedeutung, frei von Techniken wie der Interpretation, von Techniken der Hermeneutik – frei auch von einem menschlichen Subjekt, das liest?


Frühes "machine reading": In seiner Schrift "Le diverse et artificiose machine" (1588) beschrieb der schweizerisch-italienische Ingenieur Agostino Ramelli (1531–1600) ein "Bücherrad", bei dem zwölf Folianten-Bände über einen Drehmechanismus gewissermaßen parallel gelesen werden können.


III. DISTANT READING: EIN NACHRUF

Wie aber sieht es beim distant reading aus? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich zunächst darüber verständigen, was hinter dem Begriff eigentlich steht – was auch heißt, distant reading in Hinblick auf die oben skizzierte disziplinäre Differenz zu verorten. Was also ist distant reading? Einige Antworten stehen zur Auswahl:

  1. "a joke"?
  2. Ein polemischer Begriff, ein buzzword?
  3. Ein Verfahren zur Analyse von Literatur mittels des Computers?
  4. Franco Morettis Projekt einer kanonkritischen large scale-Literaturgeschichtsschreibung?
  5. Ein gescheitertes oder jedenfalls beendetes Projekt?

Zur ersten Antwort: Distant reading "was meant as a joke",[30] das jedenfalls hat Franco Moretti nachträglich zu verstehen gegeben, im Selbstkommentar zu Conjectures on World Literature, also jenem im Jahr 2000 erschienenen Artikel, in dem der Begriff das erste Mal auftaucht. Distant reading mag als "joke" gemeint gewesen sein, es ist aber zugleich – zweite Antwort – ein polemischer Begriff, ins Feld geführt gegen die spezifisch amerikanische Tradition des close reading. Als polemischer Begriff dient distant reading dabei stets auch der forschungsstrategischen Positionierung; es ist ein buzzword. Als ein solches aber neigt es dazu, diffus zu werden, was sich in der dritten Antwort zeigt. Wir zitieren aus einer lesson der Bildungs-Website Study.com, wo Folgendes zu lesen ist:

Instead of carefully reading and analyzing a single work (or a group of works), distant reading takes thousands of pieces of literature and feeds them into a computer for analysis.[31]

Wir haben hier zum einen die Opposition zum close reading; zum anderen wird auf die computerbasierte Analyse als Charakteristikum des distant reading verwiesen. Entsprechend heißt es etwa auch in einer deutschsprachigen Publikation zu den Digital Humanities, distant reading sei ein "digital gesteuerte[s] Erkenntnisverfahren".[32] Die Auffassung, distant reading sei ein Verfahren zur Analyse von Literatur mittels des Computers, ist recht weit verbreitet; und angesichts des diffusen buzzword-Status des Begriffs ist sie auch nicht ganz unzutreffend. Schaut man sich aber die (gewiss noch recht kurze) Begriffsgeschichte von distant reading an, dann ist diese Antwort im Grunde falsch. Distant reading – so wie Moretti es eingeführt und betrieben hat – hat nichts mit computerbasierter Analyse zu tun.[33]

Die Study.com-Definition nennt aber noch ein anderes Charakteristikum des distant reading, und zwar in der Opposition "a single work (or a group of works)" vs. "thousands of pieces of literature". Hinter dieser Opposition steckt aus unserer Sicht der Kern des Begriffs. Beim distant reading geht es um die Erforschung einer 'sehr großen Menge' an Texten. Dass diese 'sehr große Menge' überhaupt als erforschenswert erachtet wird, hängt mit übergreifenden Entwicklungen in der Literaturwissenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen, insbesondere mit der vehementen Kritik am Kanon,[34] wie sie nicht zuletzt im Zuge diverser cultural turns formuliert wurde, die der Unterscheidung in high and low eine Absage erteilten. Eben diese Absage an den Kanon ist für Moretti der Anlass, den Begriff des distant reading einzuführen: "[I]f you want to look beyond the canon […], close reading will not do it",[35] heißt es in den Conjectures on World Literature. Der Blick über den Kanon hinaus bedürfe vielmehr des distant reading. Im Zentrum des Begriffs operiert mithin das kanonkritische Argument der scale, wie es nun, im Kontext der Digital Humanities, zumeist heißt, oder genauer: der large scale. Mitunter flankiert von der (ursprünglich auf Margaret Cohen zurückgehenden[36]) Formel vom "great unread", ist die Rede von der large scale so etwas wie die zentrale, legitimatorische Trope des distant reading und der Digital Humanities. Das hat dann entsprechende Konsequenzen etwa für die epistemischen Objekte, so den oben bereits erwähnten Sprung vom 'Text' (oder auch vom 'Werk') zum 'Korpus'. Sieht man sich allerdings die momentan beforschten literarischen Korpora genauer an (im deutschen Sprachraum etwa das Deutsche Textarchiv, die Digitale Bibliothek als Teil des TextGrid Repository oder das Projekt Gutenberg-DE, aber etwa auch die dann doch nur knapp 3.000 Romane, die im Rahmen des vierten Pamphlets des Literary Lab untersucht wurden), dann sollte man eher von mid-distance reading sprechen, denn keine dieser Textagglomerationen erfüllt wirklich den Tatbestand large scale, geschweige denn big data.

Wie dem auch sei, als vierte Antwort könnte man also formulieren: Distant reading war Franco Morettis Projekt einer kanonkritischen, large scale orientieren und damit korpus- (und eben nicht mehr werk-)basierten Literaturgeschichte. Die Betonung liegt dabei auf 'war'. Denn das ist die fünfte Antwort: Distant reading, in der Moretti-Variante, ist ein gescheitertes oder jedenfalls beendetes Projekt. Diese These vom Scheitern bzw. vom Ende des distant reading soll im Folgenden knapp anhand einiger jener Artikel erläutert werden, die Moretti vor zwei Jahren noch einmal gesammelt veröffentlicht hat. Dabei ist es zunächst angebracht, die soeben verneinte dritte Antwort noch einmal aufzugreifen. Morettis distant reading ist, so hatten wir festgestellt, kein Verfahren der computerbasierten Analyse. Für den Text, in dem Moretti den Begriff einführt, also für Conjectures on World Literature, trifft dies ohne Frage zu. Moretti unternimmt dort eine Sekundärliteraturanalyse, in der er qualitative Erkenntnisse aus der vorliegenden Forschung extrahiert und den Versuch macht, sie zu einem neuen, größeren Bild zu ordnen. Es handelt sich hier also im Prinzip um eine perspektivierte, thesengeleitete Variante des guten alten Forschungsberichts. Und im Aufsatz über die Genese der Detektivgeschichte Ende des 19. Jahrhunderts, The Slaughterhouse of Literature[37] (teilweise auch abgedruckt im Trees-Kapitel von Graphs, Maps, Trees), war es, um ein zweites Beispiel zu nennen, nicht die vorliegende Forschung, die den Zwischenschritt und damit die Distanzierung vom Einzeltext ermöglichte, sondern unter anderem ein "graduate seminar"[38] oder gar Moretti selbst, der die primäre Lektüre durchführte.[39]

Bei anderen Aufsätzen wird der Computer hingegen (jenseits seiner Rolle als Schreibgerät) vermutlich schon eingesetzt worden sein, nicht zuletzt bei der Visualisierung, sicher auch bei der statistischen Auswertung, der Datenverwaltung, vielleicht auch bei der Datenerfassung (etwa in Style, Inc.[40]). Aber tatsächlich weiß man nicht, ob und in welcher Weise hier auf Rechnerunterstützung zurückgegriffen wurde. Das aber ist entscheidend: Der Computer spielt in den Aufsätzen in Distant Reading als Analyseinstrument keine Rolle, er wird nicht thematisiert. Nirgendwo geht es um Standards, um Protokolle, um Skripte, um Datenbanken und all die kleinen, gern auch verflucht vertrackten Probleme, die digitales Forschen mit sich bringt. Das heißt aber auch: Nirgendwo geht es um jene diskursiven Praktiken, die weithin als charakteristisch für die Digital Humanities gelten. Distant reading, wie es sich in den gesammelten Aufsätzen in Morettis Distant Reading zeigt, hat mit den Digital Humanities in erster Linie die Idee der large scale gemein.

Aus dieser Idee ergeben sich aber weitere Gemeinsamkeiten, so insbesondere die Arbeit mit quantitativen Daten. Doch auch hier zeigt sich etwas, das grundlegend ist für Morettis Projekt des distant reading – und das auch für das Scheitern des Projekts verantwortlich ist. In den in Distant Reading versammelten Texten geht es nämlich primär um das, was Scheinfeldt als "framing knowledge in a theoretical or ideological construct" bezeichnet hat.[41] Auf zwei theoretische oder ideologische Konstrukte greift der Postmarxist Moretti dabei zurück: eine ökonomische Theorie, konkret die World-Systems Theory nach Immanuel Wallerstein (so in Conjectures on World Literature und den Folgeschriften, teils auch in Planet Hollywood); und eine evolutionsbiologische Theorie in der Tradition Darwins (so in The Slaughterhouse of Literature – sowie, weiter ausgreifend, in dem Trees-Kapitel von Graphs, Maps, Trees –, teils auch in Planet Hollywood und Evolution, World-Systems, Weltliteratur). Diese Theorien liefern Moretti dabei die Möglichkeit, die Diskontinuität zwischen numbers und meaning zu überbrücken. Das ist nun nicht unbedingt problematisch.

Aus einer Theorie Hypothesen abzuleiten und sie dann anhand der Daten empirisch zu überprüfen oder auch zu falsifizieren, ist ein gängiges Verfahren. Das Problem bei Moretti liegt jedoch darin, dass er den diskursiven Stil der empirischen Wissenschaften, ihre Figuren und Praktiken der Wissensproduktion, nur imitiert. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in der zentralen argumentativen Strategie Morettis: in der Analogie. "In fact Moretti's entire project rests on the extended tracing of an analogy",[42] konstatiert Prendergast. Dies kann an dieser Stelle nicht im Detail dargelegt werden, wir verweisen stattdessen auf bereits vorliegende Kritiken an Moretti: Mit Blick auf die Evolutionsbiologie hat etwa Katja Mellmann das Verfahren des "wilde[n] Analogisierens"[43] herausgearbeitet; und die in mehrfacher Hinsicht problematische Analogie zwischen World-Systems Theory und einem Weltliteratur-System hat Moretti sogar selbst diskutiert (in More Conjectures).[44]

Die argumentative Trope der Analogie ist dabei ein wichtiger Bestandteil der allgemeinen Methodik des distant reading, die man als Daten-Hermeneutik bezeichnen könnte (oder auch, in Anlehnung an Alan Liu,[45] als close data reading).[46] Christopher Prendergast hat in einer grundlegenden Kritik an Graphs, Maps, Trees[47] die Frage aufgeworfen, ob Morettis Selbstaussage, er sei vom Humanities-Modus des Interpretierens (interpretation) in den Science-Modus des Erklärens (explanation) gewechselt, nicht auf einem grundlegenden (Selbst-)Missverständnis beruhe.

Yet there is already a question here as to whether what he describes under the heading of 'explanation' belongs just as much, if not more so, to the sphere of 'interpretation'—not, however, in the sense of the 'reading' of individual works but rather in that of a hermeneutics addressed to 'understand[ing] the larger structures' within which individual works 'have a meaning in the first place'.[48]

Das ist eine sehr treffende Beobachtung: Moretti bleibt im 'traditionellen' Modus der Bedeutungsgenerierung; er arbeitet zwar mit quantitativen Daten, diese werden aber hermeneutisch interpretiert, oder anders gesagt: Sie werden selektiv wahrgenommen, Relevanzen und Signifikanzen ergeben sich etwa aus der (ohne Frage mitunter begnadeten) Intuition des Interpreten (Statistik spielt hingegen kaum eine Rolle). Und erst so kommt Moretti in seinen distant reading-Studien von numbers zu meaning.

Diese kritische Betrachtung von Morettis distant reading sollte deutlich gemacht haben, dass Morettis Variante des distant reading eher kein probates Mittel der Digital Humanities ist. Sinnvoll, und das heißt nachvollziehbar und reproduzierbar, lässt sich den Herausforderungen des "great unread" mit diesem distant reading-Ansatz jedenfalls nicht begegnen. Das aber hat Moretti mittlerweile auch selbst eingesehen. Die unter dem Titel Distant Reading versammelten Essays sind jedenfalls, gerade auch in ihrer Zusammenstellung und ihrer Kommentierung, eher ein Abgesang – oder zumindest, wie es bezeichnenderweise in einem Titel der Sammlung heißt, The End of the Beginning.

Deutlich wird dies etwa in dem zu Beginn bereits erwähnten, letzten Artikel der Sammlung, dem Text Network Theory, Plot Analysis.[49] Bemerkenswert ist hier bereits, dass Moretti auf die beiden Großtheorien, derer er sich zuvor zumeist bediente, verzichtet. Und mehr noch: Was im Titel als 'network theory' auftritt, ist im Grunde keine Theorie, sondern ein Set von Methoden, die von Moretti auch nur beiläufig verwendet werden. Wichtiger aber ist noch, dass der Artikel Network Theory, Plot Analysis im Wesentlichen ein Werk, noch dazu einen der Spitzenreiter im weltliterarischen Kanon behandelt, den Hamlet (am Ende kommen dann noch zwei Romane dazu). Mit "the great unread" hat dieser Aufsatz also nichts zu tun. Und auch der Modus der Analyse ist qualitativ, meaning-basiert. So verweist Moretti, selbst etwas irritiert, am Ende der (etwas längeren) Online-Fassung des Beitrags auch auf "this study's unplanned, yet crucial, decisions to replace quantification with qualitative analysis, and then basing the latter less on concepts than on my own intuitions vis-à-vis visual evidence".[50] Und er fügt hinzu: "It is never easy, realizing that one has reached a dead end, pure and simple. But this is what it was."[51]

In der Druckfassung des Beitrags im Distant Reading-Band kommen diese Sätze nicht vor, gegenüber der Online-Fassung des Pamphlets ist der Beitrag gekürzt worden. Doch Moretti hat diese Einsicht stattdessen in die Selbstnarration eingearbeitet, die den Band in Form von Vorworten durchzieht. So weist er etwa im kommentierenden Vorwort zu Evolution, World-Systems, Weltliteratur auf die "growing importance of quantitative research"[52] für seine Arbeit hin. Diese habe zu einem "un-theoretical interlude" – begleitet durch die Gründung der Institution des Stanford Literary Lab – geführt; ein "interlude", das wohlgemerkt nicht in die Sammlung Distant Reading eingegangen ist, sondern auf die darin versammelten Studien folgt. Die Publikation des Distant Reading-Bandes markiert insofern "the end of the beginning", markiert die Epoche, die Zäsur, von der aus – so Morettis große Selbstnarration – in Zukunft etwas Neues ausgehen werde. Schließlich gäbe es, "in the world of digital humanities", "a desire for a general theory of the new literary archive".[53] Ob der Begriff des distant reading in dieser zukünftigen "general theory" noch eine Rolle spielen wird, steht allerdings derzeit noch in den Sternen.

In neueren Arbeiten spricht Moretti jedenfalls nicht mehr von distant reading, sondern von "computational criticism" oder einfach von "digital humanities".[54] Und auch Morettis langjähriger Partner am Stanford Literary Lab, Matthew L. Jockers, hat in seiner wohl wichtigsten Publikation einen anderen Begriff gewählt: Macroanalysis.[55] Eine Großtheorie hat Jockers dabei nicht im Angebot[56] – ja mehr noch: gerade bei den komplexeren Datenerhebungen in den letzten Analysekapiteln von Macroanalysis verzichtet Jockers nahezu vollständig auf eine Erklärung der Daten. Im Vordergrund stehen die numbers, nur zögernd diskutiert Jockers deren meaning, mitunter lässt er es ganz.[57]


"The Big Picture": Ausschnitt aus der Visualisierung einer computergestützten Netzwerkanalyse von 465 Dramen (Quelle: https://dx.doi.org/10.6084/m9.figshare.1461761.v1).


IV. "FORGET PROGRAMS AND VISIONS": EIN AUSBLICK?

Nun mag distant reading als Projekt einer Methodik für "the great unread" gescheitert sein, in diesem Scheitern führt es jedoch vor Augen, welche theoretischen, methodischen, konzeptionellen Herausforderungen die eingangs skizzierte disziplinäre Differenz mit sich bringt. So geht es bei den Digital Humanities um nicht weniger als um den Versuch, unterschiedliche Arten von epistemischen Objekten, einschließlich entsprechender diskursiver Praktiken, miteinander in einen Dialog zu bringen. Eine Voraussetzung dafür, dass dieser Versuch überhaupt eine Chance hat, zu gelingen, ist dabei unseres Erachtens das Wachhalten der Differenzen. Genau das bleibt aber aus, wenn man – um auf das zu Beginn angeführte Beispiel der Zentralitätsindizes von Figuren zurückzukommen – einen numerischen Wert ohne weiteres mit einem semantisch reichen Konzept wie dem des Protagonisten verknüpft. Gewiss: Der Idee vom 'Protagonisten eines Textes' liegt irgendwie auch so etwas wie die Vorstellung einer besonders 'zentralen' Bedeutung der Figur zugrunde. Mit der durch spezifische Maßzahlen angegebenen strukturellen Güte einer Position in einem nach bestimmten Prinzipien konstruierten Netzwerk hat dies jedoch zunächst nichts zu tun. Auch eine solche Identifikation von Zentralitätswerten mit dem Konzept des Protagonisten basiert lediglich auf einer Analogie. Die Analogie aber überspielt einen der wichtigsten Arbeitsschritte bei der Verbindung von informatischer und geisteswissenschaftlicher Disziplin, die Operationalisierung. In einem bemerkenswerten Aufsatz, veröffentlicht als sechstes Pamphlet des Literary Lab, hat Moretti selbst auf die Schlüsselrolle dieses Verfahrensschritts hingewiesen – und dabei noch einmal deutlich gemacht, wie weit er sich mittlerweile von der Methodik des distant reading entfernt hat:

Forget programs and visions; the operational approach refers specifically to concepts, and in a very specific way: it describes the process whereby concepts are transformed into a series of operations—which, in their turn, allow to measure all sorts of objects. Operationalizing means building a bridge from concepts to measurement, and then to the world. In our case: from the concepts of literary theory, through some form of quantification, to literary texts.[58]

Allerdings lässt sich nicht von allen concepts tatsächlich eine Brücke zu den numbers schlagen. Oder anders gesagt: Ohne Arbeit an den Begriffen der humanities, wie auch an ihren Theorien, wird das Projekt der Digital Humanities als eine Integration von informatischer und geisteswissenschaftlicher Arbeit vermutlich stets in der disziplinären Differenz verbleiben. Noch einmal Moretti:

This is not what I expected from the encounter of computation and criticism; I assumed, like so many others, that the new approach would change the history, rather than the theory of literature; and, ultimately, that may still be the case. But as the logic of research has brought us face to face with conceptual issues, they should openly become the task of the day […].[59]

Tatsächlich scheint uns das ein wesentlicher und ein wichtiger Aspekt, der sich von Morettis ebenso inspirierendem wie – als 'Programm' der Digital Humanities – gescheitertem Projekt des distant reading lernen lässt: Womöglich stellen die Digital Humanities nicht lediglich tools bereit, mit denen sich bereits bestehende geisteswissenschaftliche Theorien, Methoden, Begriffe, Fragen auf umfangreichere, durch nicht-computerisierte Forschung bisher nicht erschließbare Gegenstandsbereiche ("the great unread") anwenden lassen; vielleicht führen sie vielmehr dazu, dass wir unsere Begriffe etc. neu oder jedenfalls anders konzeptualisieren müssen – und damit eben auch, in gewisser Hinsicht, unsere Gegenstände. Zwischen der quantitativ berechneten Zentralität einer Figur und dem qualitativ-hermeneutisch bestimmten Protagonistenstatus klafft jedenfalls eine Lücke, die sich – angesichts des semantischen Reichtums und der Facettenhaftigkeit des Protagonistenkonzepts – vermutlich durch keine Operationalisierung wirklich befriedigend wird überbrücken lassen. Man kann das als Mangel begreifen; oder aber als Chance, als Möglichkeit, eine neue Perspektive auf scheinbar bereits bekannte Gegenstände zu gewinnen, eine Perspektive, die unsere tradierten Vorstellungen von den Gegenständen ergänzen, vielleicht bereichern oder aber auch irritieren kann.

Was aber bedeutet das insgesamt für eine geisteswissenschaftliche Forschung, die sich der Logik der informatischen Disziplin annähert – und sich damit u.a. auch darauf einlässt, quantitativ zu arbeiten, also die numbers sprechen zu lassen? Man könnte drei Szenarien skizzieren:

  • Entweder lassen sich Begriffe etc. aus geisteswissenschaftlicher Sicht recht problemlos operationalisieren, lässt sich, mit anderen Worten, ein gangbarer Weg von numbers zu meaning finden. Dies ist insbesondere dort der Fall, wo in den Geisteswissenschaften ohnehin mit bereits mehr oder weniger formalisierten, womöglich sogar quantitativen Begriffen etc. gearbeitet wird. Aus Sicht der Literaturwissenschaft kommen hier etwa Forschungsfelder wie die Metrik oder, in Teilen, die Narratologie infrage; darüber hinaus wurden im Rahmen der strukturalistischen Methodik dezidiert quantitative Begriffe etc. entwickelt, etwa der Begriff der 'Rekurrenz'.
  • Oder aber – zweites Szenario – die 'traditionellen' Begriffe etc. lassen sich zumindest partiell für eine quantitative Analyse operationalisieren, etwa weil ihre Definitionen Bestandteile aufweisen, für die sich bestimmte quantitative Messverfahren entwickeln lassen. So gibt es, um ein Beispiel zu nennen, in der literaturwissenschaftlichen Dramenanalyse die Unterscheidung in einen offenen und einen geschlossenen Dramentypus.[60] Diese Typologie berücksichtigt dabei zahlreiche Facetten des dramatischen Textes, u.a. unterschiedliche Techniken der Handlungsführung, der Zeit- und Raumgestaltung, der Sprachverwendung, der Komposition usw., wobei sich kaum eine dieser Facetten befriedigend für die quantitative Analyse operationalisieren lässt. Einzelne allerdings schon, wie wir in einer kleinen Studie gezeigt haben.[61] Und auch für Morettis Frage nach dem Protagonisten lässt sich sagen, dass sie teilweise 'messbar' ist – immerhin ist der Aspekte der Zentralität zumindest eine Facette des Protagonistenkonzepts. Eine solche partielle Operationalisierung geisteswissenschaftlicher Begriffe etc. steht – aus Sicht der traditionellen Forschung – freilich immer unter dem Verdacht des Reduktionismus. Umso mehr ist hier das oben benannte Bewusstsein von der Differenz gefordert, das letztlich in einen Dialog zwischen informatischer und geisteswissenschaftlicher Perspektive münden sollte: Wie verhalten sich die quantitativen Analysen zu den qualitativen der 'traditionellen' Forschung? Was lernen wir daraus, nicht nur über unsere Gegenstände, sondern eben auch – im Sinne Morettis – über unsere facettenreichen Begriffe?
  • Schließlich gibt es ein drittes Szenario, bei dem sich 'traditionelle' Begriffe etc. – teils programmatisch – gegen eine Operationalisierung im Rahmen quantitativer, formalisierter Forschung sperren, so etwa zahlreiche hermeneutische Ideen von der 'tieferen' Bedeutung eines Textes oder eines Textelements. Nun spricht auch hier nichts dagegen, dass aus den Digital Humanities heraus Operationalisierungsvorschläge gemacht werden. In der Regel wird es dabei aber auf eine genuin andere Sichtweise des Gegenstandes hinauslaufen; oder in Anlehnung an Moretti formuliert: Diese Begriffe werden am Ende ihren Ort vermutlich innerhalb ganz anderer Theorien haben.

Von hier aus lässt sich nun aus unserer Sicht ein abschließender Blick auf die Frage nach der Verbindung von Foucault'scher Diskursanalyse und Digital Humanities werfen – auf die Frage also nach einem methodologisch sauberen 'Fernlesen mit Foucault'. Aus einer konzeptionellen Perspektive lässt sich diese Frage diskutieren, indem man zunächst grundsätzlich fragt, welches der drei soeben skizzierten Szenarien angesichts der Foucault'schen Diskursanalyse in Betracht kommt. Dabei deutet nach unserer Meinung einiges darauf hin, dass wir es mit dem dritten Szenario zu tun haben. Exemplarisch zeigt sich das bereits an der "elementare[n] Einheit des Diskurses",[62] also an der "Aussage", bei deren umkreisender Definition Foucault immer wieder darauf hinweist, dass diese etwas ganz anderes sei als eine Zeichenfolge ("etwas anderes und mehr als eine reine Ansammlung von Zeichen"[63]), die sich mehr oder weniger regelbasiert in einem Korpus auffinden ließe. Stattdessen erweist sich die 'Aussage' in Foucaults ausführlicher Diskussion in der Archäologie des Wissens als eine in hohem Maße kontextrelative Größe (die Aussagefunktion "kann nicht ohne Existenz eines assoziierten Gebiets ausgeübt werden"[64]), deren Bestimmung – so scheint es – weniger positivistisch, vielmehr hermeneutisch erfolgt, 'hermeneutisch' jedenfalls insofern, als der Diskursanalytiker "den Sinn von Aussagen zumindest oberflächlich verstehen"[65] muss, um sie überhaupt als Aussagen klassifizieren zu können.

Wenn aber, wie Philipp Sarasin bemerkt, die "reine, feststellbare Positivität bloß manifester Aussagen, die sich als diskrete Elemente in einem Archiv aufbewahren und gleichsam als Einzelteile beschreiben lassen, die selbst nichts bedeuten", aus Sicht der Foucault'schen Diskursanalyse "eine positivistische Fiktion" ist,[66] dann ist bereits die 'elementare Einheit des Diskurses' für eine digitale, automatisierte Analyse unverfügbar. Mit anderen Worten: Der Foucault'sche Begriff der Aussage scheint sich programmatisch gegen eine Operationalisierung im Rahmen digitaler Analyseverfahren zu sperren – bezeichnenderweise bemüht sich Foucault in der Archäologie des Wissens ja auch ausführlich um eine Abgrenzung der 'Aussage' von formalisierten bzw. regelbasierten Konzepten wie dem (logischen) der Proposition oder dem (linguistischen) des Satzes.[67] Diese Abgrenzungen haben ihre Gründe: Die Aussage, die auch Foucault zwischenzeitlich so scheint, "als weise sie […] jede Möglichkeit der Beschreibung zurück",[68] wird von ihm als ein gegenüber den formalisierten und regelbasierten Konzepten in hohem Maße situations- und kontextsensibler Untersuchungsgegenstand entworfen. Dabei machen die zahlreichen Beispiele, die Foucault in der Archäologie des Wissens – nicht selten als Grenzfälle – diskutiert, deutlich, dass es ihm zwar ganz sicher nicht um close reading im Sinne einer 'Hermeneutik der verborgenen Bedeutung' geht. Zugleich jedoch kann man sehr wohl den Eindruck gewinnen, es gehe um eine andere Art von close reading, das auf sehr abwägende, differenzierte, zahlreiche Nuancen der Sprache und ihrer Verwendung berücksichtigende Weise nun die Möglichkeitsbedingungen und Auftretenskontexte von Aussagen unter die Lupe nimmt. So faszinierend dieses Vorgehen, gerade auch in Foucaults historischen Studien, ist, so sehr sträubt sich ein solches Verfahren allerdings gegen die einfache Übersetzung in jene mitunter als distant reading bezeichneten Techniken, deren Analysen derzeit vor allem darauf basieren, dass Begriffe streng formalisiert oder zumindest klar regelbasiert operationalisiert werden.

Vor diesem Hintergrund stellt sich für uns die Frage, ob es angesichts des offenbar sehr geringen Operationalisierungspotenzials der Foucault'schen Diskursanalyse nicht womöglich sinnvoller wäre, einen anderen Weg zu gehen. Anstatt zu überlegen, wie Foucaults Theorieentwurf zu operationalisieren wäre, könnten zum Beispiel zunächst – Morettis Slogan "[f]orget programs and visions" folgend – die Ergebnisse, die von bereits etablierten Techniken der Textanalyse erbracht werden, gesichtet und diskutiert werden. Tatsächlich hat sich ja, und das bereits seit einigen Jahrzehnten, ein Feld der Diskursanalyse ausgebildet, in dem – in Teilen sogar inspiriert von Foucault (man denke an die Pionierarbeiten zur Analyse automatique du discours (1969) von Michel Pêcheux) – mit korpuslinguistischen, u.a. etwa mit lexikometrischen Ansätzen gearbeitet wird. Und auch Franco Moretti hat jüngst, in einem Pamphlet aus seiner gewissermaßen post-distant-reading-Phase, ohne einen expliziten Theorierahmen (und leider auch dieses Mal weitgehend ohne Offenlegung der konkreten Verfahrensschritte oder der statistischen Werte) schlicht korpuslinguistische Verfahren angewendet, um anhand der Jahresberichte der Weltbank so etwas wie die Transformation des ökonomischen Diskurses, wie er sich in und durch diese Institution zeigt, zu beschreiben.[69]

Sicher: 'Aussagen' im Sinne der Foucault'schen Diskursanalyse werden dabei nicht untersucht. Stattdessen geht es Moretti zum Beispiel um most frequent words, um Kollokationen oder um die Häufigkeit bestimmter Wortarten und grammatischer Konstruktionen – anders gesagt: ihm geht es um linguistische, nicht um diskursanalytische 'Einheiten' im Sinne Foucaults. Aber womöglich ließe sich auf diesen Daten eine neue (und notgedrungen: andere) Diskursanalyse gründen, eine Fortschreibung von Foucaults Projekt, die dabei auch – anders als die meisten korpuslinguistischen Ansätze – das weiterführen könnte, was uns als eine entscheidende Signatur von Foucaults 'Arbeit an den Diskursen' erscheint, nämlich Forschung als Praxis einer kritischen Wissenschaft.



Anmerkung: Der Beitrag geht zurück auf einen Vortrag, gehalten im Rahmen des foucaultblog Workshops "Distant Reading und Diskursanalyse" (Wien, 14.11.2015). Für diese Publikation wurde der Vortrag umfangreich erweitert; zugleich wurden die mündliche Darstellungs- und die thesenartige Argumentationsweise weitgehend beibehalten.
[1] Wenn wir im Folgenden der Einfachheit halber von Digital Humanities sprechen, meinen wir – im Sinne unseres eigenen Tätigkeitsfeldes – in der Regel nur einen Teilbereich, der mitunter auch als Digital Literary Studies bezeichnet wird.
[2] Jean-Gabriel Ganascia: The Logic of the Big Data Turn in Digital Literary Studies, in: Frontiers in Digital Humanities 2.7 (2015).
[3] Franco Moretti: Distant Reading, London u. New York: Verso 2013.
[4] Franco Moretti: Network Theory, Plot Analysis, in: ders.: Distant Reading, S. 211–240. Vgl. auch die ausführlichere Fassung: Franco Moretti: Network Theory, Plot Analysis (= Pamphlets of the Stanford Literary Lab 2), Mai 2011.
[5] Vgl. Moretti: Network Theory, Plot Analysis [Pamphlet -Version], S. 4.
[6] dlina: (digital) literary network analysis. Teammitglieder: Frank Fischer, Mathias Göbel, Dario Kampkaspar, Peer Trilcke. Siehe dazu allgemein Link sowie Link. Zu dramavis, dem Python-Skript, das die folgenden Werte berechnet hat, siehe Link.
[7] Hagner und Hirschi haben in einem anregenden Katalog auf "Fragen der Autorschaft (ein adressierbarer Autor versus soziale Netzgemeinschaften), der Forschungspraktiken (qualitative Analyse weniger Quellen versus quantitative Korrelation vieler Daten), der epistemischen Tugenden (Argumentation und Narration versus Bereitstellung und Verlinkung) und der Publikationsformen (abgeschlossene Monografie oder Artikel versus liquide Netzpublikation)" hingewiesen. Michael Hagner u. Caspar Hirschi: Editorial, in: Digital Humanities [= Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte, Bd. 9], Zürich: diaphanes 2013, S. 7–11, hier: S. 9.
[8] Einen ersten Zwischenstand resümieren der Band sowie die Website Debates in the Digital Humanities.
[9] Stephen Ramsay: Reading Machines. Toward an Algorithmic Criticism, Urbana: Univ. of Illinois Press 2011. Siehe auch ders.: Algorithmic Criticism, in: Susan Schreibman u. Ray Siemens (Hg.): A Companion to Digital Literary Studies, Oxford: Blackwell 2008.
[10] Matthew Kirschenbaum: Mechanisms. New Media and the Forensic Imagination, Cambridge/Mass.: MIT Press 2008.
[11] U. a. Alan Liu: The Meaning of Digital Humanities, in: PMLA 128.2 (2013), S. 409–423; ders.: Where Is Cultural Criticism in the Digital Humanities, in: Debates in the Digital Humanities.
[12] In einer metaisierenden Volte geht es ihm darüber hinaus um das Schicksal der Humanities insgesamt: "My thesis is that an understanding of the digital humanities can only rise to the level of an explanation if we see that the underlying issue is the disciplinary identity not of the digital humanities but of the humanities themselves. […] In both their promise and their threat, the digital humanities serve as a shadow play for a future form of the humanities that wishes to include what contemporary society values about the digital without losing its soul to other domains of knowledge work that have gone digital to stake their claim to that society." Liu: The Meaning of Digital Humanities, S. 410.
[13] Ryan Heuser & Long Le-Khac: A Quantitative Literary History of 2,958 Nineteenth-Century British Novels: The Semantic Cohort Method (= Pamphlets of the Stanford Literary Lab 4), Mai 2012, S. 46. Vgl. auch dies.: Learning to Read Data. Bringing out the Humanistic in the Digital Humanities, in: Victorian Studies 54.1 (2011), S. 79–86.
[14] Siehe u. a. den Beitrag von Stephen Ramsay: Why I'm In It [Blogpost]. 12.9.2013; sowie die Respondenz von Alan Liu: "Why I'm In It" x2 – Antiphonal Response to Stephan [sic!] Ramsay on Digital Humanities and Cultural Criticism [Blogpost]. 13.9.2013.
[15] Liu: Where Is Cultural Criticism in the Digital Humanities, in: Debates in the Digital Humanities.
[16] Gary Hall: There Are No Digital Humanities, in: Debates in the Digital Humanities.
[17] Chris Anderson: End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolet, in: wired.com, 23.6.2008.
[18] Kritisch zu Scheinfeldt äußert sich Gary Hall: Has Critical Theory Run Out of Time for Data-Driven Scholarship?, in: Debates in the Digital Humanities.
[19] Tom Scheinfeldt: Sunset for Ideology, Sunrise for Methodology?, in: Debates in the Digital Humanities.
[20] Ebd.
[21] Jean Bauer: Who You Calling Untheoretical, in: Journal of Digital Humanities 1.1 (2011).
[22] The Digital Humanities Manifesto 2.0, 29.5.2009.
[23] Michel Foucault: Archäologie des Wissens, übersetzt v. Ulrich Köppen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1981, S. 265.
[24] Ebenfalls vor allem auf diese Seite der Differenz blickt James Smithies: Digital Humanities, Postfoundationalism, Postindustrial Culture, in: Digital Humanities Quarterly 8.1 (2014).
[25] Vgl. ebd.; siehe auch Stephen Ramsey u. Geoffrey Rockwell: Developing Things. Notes Toward an Epistemology of Building in the Digital Humanities, in: Debates in the Digital Humanities.
[26] Interessant vor diesem Hintergrund der ethnographische Blick auf die Praxis der Digital Humanities bei Smiljana Antonijević: Amongst Digital Humanists. An Ethnographic Study of Digital Knowledge Production, New York, NY: Palgrave Macmillan 2015.
[27] YouTube-Clip "Franco Moretti at the Institute of World Literature, University of Lisbon: 'Patterns', 1 July 2015", 00:15:04–00:15:13.
[28] Dazu vgl. etwa N. Katherine Hayles: How We Think. Digital Media and Contemporary Technogenesis, Chicago: Univ. of Chicago Press 2012, Kap. "How We Read. Close, Hyper, Machine", S. 55–79.
[29] "Depending on one's perspective, the ascendance of 'distant reading' can be seen as marking the dissolution of literary studies, at least as a humanities discipline, or as the proper elevation of the field into computational posthumanism." (Barbara Herrnstein Smith: What Was "Close Reading"? A Century of Method in Literary Studies [youtube-video of a talk delivered at the Heyman Center, Columbia University, New York, on May 6, 2015].
[30] Franco Moretti: [Vorwort zu] Conjectures on World Literature, in: ders.: Distant Reading, S. 43–62, hier: S. 44.
[31] Link
[32] Hagner u. Caspar: Editorial, S. 9.
[33] Entsprechend sind z. B. auch bei Weitem nicht alle Beiträge in Matt Erlin & Lynne Tatlock (Hg.): Distant Readings. Topologies of German Culture in the Long Nineteenth Century, Rochester/NY: Camden House 2014 computerbasiert im Sinne der Digital Humanities.
[34] Vgl. auch Matthew Wilkens: Canons, Close Readings, and the Evolution of Method, in: Debates in the Digital Humanities.
[35] Moretti: Conjectures on World Literature, in: ders.: Distant Reading, S. 48.
[36] Vgl. auch Margaret Cohen: The Sentimental Education of the Novel, Princeton/NJ: Princeton University Press 1999, S. 23.
[37] Franco Moretti: The Slaughterhouse of Literature, in: ders.: Distant Reading, S. 63–90.
[38] Ebd., S. 71.
[39] "So I […] asked Tara McGann, my research assistant at Columbia, to find all the mystery stories published in the Strand during the first Holmes decade. The total came to 108 […], and – it took time. But I have read them all […]." (ebd., S. 79f.).
[40] Franco Moretti: Style, Inc. Reflections on 7,000 Titles (British Novels, 1740–1850), in: ders.: Distant Reading, S. 179–210.
[41] Scheinfeldt: Sunset for Ideology, Sunrise for Methodology?
[42] Christopher Prendergast: Evolution and Literary History. A Response to Franco Moretti, in: New Left Review 34 (Juli/August 2005), S. 40–62, hier S. 59.
[43] Katja Mellmann: Evolutionsgedanken als Factory-Outlet. Franco Morettis "Stammbäume" der Literaturgeschichte, in: literaturkritik.de, 9.2.2009.
[44] Vgl. Franco Moretti: More Conjectures, in: ders.: Distant Reading, S. 107–120.
[45] Vgl. "One now close reads graphs and diagrams that have roughly the same cognitive weight (and even visual size on the page) as block quotations of old, even if the mode of 'meaningfulness' to be read off such visualizations is of a different order (linking the act of analysis more to breadth of field than to a sense of depth or emplacement)." (Liu: Where Is Cultural Criticism in the Digital Humanities)
[46] Eine sehr treffende Beschreibung von Morettis interpretativem Vorgehen (in diesem Fall im Aufsatz Style, Inc.) liefert Herrnstein Smith: What Was "Close Reading"?, S. 19. – "A table or graph is treated as an object to be interpreted. In this and many other respects, distant reading remains a recognizably humanistic practice", heißt es in einer Rezension zu Werken von Moretti und Matthew L. Jockers (Ben Merriman: A Science of Literature, in: Boston Review, 3.8.2015).
[47] Prendergast: Evolution as Literary History; Moretti hat auf diese Kritik wiederum geantwortet (Moretti: The End of the Beginning. A Reply to Christopher Prendergast", in: ders.: Distant Reading, S. 137–158).
[48] Prendergast: Evolution as Literary History, S. 45.
[49] Vgl. dazu auch die kritische Auseinandersetzung mit diesem Aufsatz in Peer Trilcke: Social Network Analysis (SNA) als Methode einer textempirischen Literaturwissenschaft, in: Philip Ajouri, Katja Mellmann u. Christoph Rauen (Hg.): Empirie in der Literaturwissenschaft, Münster: mentis 2013, S. 201–247.
[50] Moretti: Network Theory, Plot Analysis [Pamphlet -Version], S. 11.
[51] Ebd., S. 12.
[52] Franco Moretti: [Vorwort zu] Evolution, World-Systems, Weltliteratur, in: ders.: Distant Reading, S. 121–136, hier: S. 122.
[53] Ebd.
[54] Z. B. Franco Moretti: "Operationalizing": or, the function of measurement in modern literary theory (= Pamphlets of the Stanford Literary Lab 6), Dezember 2013, S. 1.
[55] Matthew L. Jockers: Macroanalysis. Digital Methods & Literary History, Urbana, Ill.: Univ. of Illinois Press 2013. Eine bemerkenswerte Auseinandersetzung mit den disziplinären Thesen Jockers findet sich bei Barbara Herrnstein Smith: What Was "Close Reading"?
[56] Interessanterweise kommt Jockers allerdings auch nicht um eine Analogiebildung zur Ökonomie herum, wobei es ihm jedoch nicht – wie Moretti – um eine Analogie hinsichtlich der theoretischen Modellierung des Gegenstandes geht, sondern um eine Art methodologische Analogie, die die literaturwissenschaftlichen Analyseverfahren analog zu denen der Ökonomik konzipiert: "The approach of the study of literature that I am calling 'macroanalysis' is in some general way akin to economics or, more specifically, to macroeconomics. […] [M]icroeconomics can be seen as analogous to our study of individual texts via 'close readings'." (Jockers: Macroanalysis, S. 24).
[57] "In fact, there's a strangely inverse correlation throughout the book between the sophistication of the computations deployed and the richness of the critical analyses that accompany them." (Matthew Wilkens: An Impossible Number of Books: Matthew L. Jockers's "Macroanalysis", in: Los Angeles Review of Books, 16.8.2013).
[58] Moretti: "Operationalizing", S. 1.
[59] Ebd., S. 9.
[60] Vgl. Volker Klotz: Geschlossene und offene Form im Drama, München: Hanser 1960.
[61] Trilcke: Social Network Analysis (SNA) als Methode einer textempirischen Literaturwissenschaft, S. 222–236.
[62] Foucault: Archäologie des Wissens, S. 117.
[63] Ebd., S. 139.
[64] Ebd.
[65] Philipp Sarasin: Der paradoxe Ort der Diskursanalyse, in: Zeitschrift für Kulturphilosophie 8.1 (2014), S. 61–74, hier S. 66.
[66] Philipp Sarasin: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, in: ders.: Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003, S. 10–60, hier S. 43.
[67] Vgl. Foucault: Archäologie des Wissens, S. 115ff.
[68] Ebd., S. 122.
[69] Vgl. Franco Moretti u. Dominique Pestre: Bankspeak: The Language of World Bank Reports 1946–2012 (= Pamphlets of the Stanford Literary Lab 9), März 2015, vgl. auch die deutsche Fassung Franco Moretti u. Dominique Pestre: Banksprech. Die Sprache der Weltbank-Jahresberichte, in: Merkur 798 (2015), S. 5–21.

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