«Schizophrenie» in der Politik: Ordnung, Störung, Spaltung

Ein klinisches Konzept als populäre Metapher (Schwerpunkt 1960er/1970er Jahre)

Historisches Teilprojekt von: "Schizophrenie": Rezeption, Bedeutungswandel und Kritik eines Begriffes im 20. Jahrhundert


E. Bleuler definierte Schizophrenie als «Assoziationsstörung» und schuf damit eine semantische Brücke zu Problemen der Gesellschaftsordnung. Bernet (2006, 2013) zeigt, dass innerhalb der politischen Kultur der republikanischen Schweiz, in der das Prinzip der Assoziation einen hohen Stellenwert genoss, ein ausgeprägtes Sensorium für Störelemente vorhanden war. Schon in den 1920er Jahren bauten sich ein nationaler Normalitätskonsens und ein kultureller Assimilationsdruck auf, was der metaphorischen Stigmatisierung von Abweichung mittels des Adjektivs «schizophren» förderlich war. Nach 1945 wurde Schizophrenie als – nun teilweise ironische – helvetische Selbstbeschreibungskategorie verwendet, um die Spaltung zwischen dem nationalsouveränen «Sonderfall» und der abhängigen, weltwirtschaftlich verflochtenen Volkswirtschaft zum Ausdruck zu bringen. In der neuesten Gesamtdarstellung zur Geschichte der Schweiz von Walter (2010) rückt Schizophrenie in diesem Sinne zur zentralen theoretischen Kategorie auf.

Im Zuge einer verstärkten gesellschaftlichen Selbstproblematisierung wurden die Attribute «schizophren» oder «schizoid» bereits seit den beginnenden 1960er Jahren häufiger eingesetzt. Dies nicht nur zur Benennung der nun intensiver wahrgenommenen sozialen Spannungsfelder und kulturellen Störpotenziale, sondern auch, um persönliche Doppelmoral in Politik und Wirtschaft zu kritisieren. Zugleich erhielten Wendungen mit dem Wortstamm «schizo-» im Zusammenhang mit Sozialprotest, Drogenkonsum und psychedelischen Erfahrungen neue, stark gegenläufige semantische Wertladungen. In der Konfrontation von kultureller Revolte und staatserhaltendem Establishment zeichneten sich diametral andere Bewertungen einer «Assoziationsstörung» ab. Die kontestativen Jugendlichen und oppositionellen Gruppierungen um 1968 kritisierten die Doppelmoral der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, während Ordnungshüter Sex, Drugs and Rock’n’Roll als Anzeichen sozialer Zersetzung ablehnten. Über die Kategorie «Schizophrenie» wurden in beiden Richtungen Vorwürfe und Ängste auf die Gegenseite projiziert.

Aus historischer Perspektive ist es besonders interessant, auf diese Anwendungsdifferenzierung und den damit zusammenhängenden Bedeutungswandel des Begriffs «Schizophrenie» in der Schweiz zu fokussieren und dabei transnationale sowie sprachliche Austauschbeziehungen, die insbesondere in den beiden Jahrzehnten nach 1960 zu beobachten sind, zu analysieren. Dabei wird auf Mieke Bals Theorie der «travelling concepts» (2002) zurückgegriffen.

Das Teilprojekt geht von der These aus, dass Gebrauch und Bedeutung von «Schizophrenie» direkt oder indirekt auf gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen verweisen. Weil die Konnotationen «Spaltung» und «Störung» in der Genese des Begriffs angelegt sind, liess sich dieser als politische Metapher besonderes wirksam instrumentalisieren, um Devianz und Inkonsistenz, aber auch oppositionelle Haltungen zu benennen.