Formation und Pluralisierung staatlicher und nicht-staatlicher Kunstförderung in der Schweiz seit 1950

Wandel von Zugangsbedingungen, Märkten und symbolischer Wertproduktion

Die Schweizer Kulturpolitik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist geprägt durch einen in den 1950er Jahren einsetzenden Pluralisierungsprozess, der das Spannungsfeld von Kunst und Nation wesentlich beeinflusst hat. Das Projekt fragt nach den Zugangsbedingungen zu Förderinstitutionen und nach dem Einfluss der Kunstmärkte auf die symbolische Wertproduktion. Im Zuge einer zunehmenden Vernetzung überstaatlicher Gemeinschaften sowohl im Bereich des Kulturellen als auch des Ökonomischen werden die Fragen nach dem Eigenen, nach vermeintlich gefestigten Identitäten stetig neu formuliert. Gerade für die nationalstaatliche Kunstförderung und die daran gekoppelte kulturelle Reputation erweisen sich die Suche nach einer 'Schweizer Kunst' und die damit einhergehende nationale Selbstthematisierung als zentral. Förderungskriterien und -strategien für Kunst und Künstler werden sowohl durch staatliche als auch nicht-staatliche Akteure stets neu ausgehandelt. Damit verschieben sich Deutungshoheiten. In den 1950er Jahren ereignete sich in künstlerischer Hinsicht ein Bruch mit der Geistigen Landesverteidigung. Insbesondere die 1960er Jahre zeugen - durch das Auftreten neuer, nicht-staatlicher Akteure oder durch eine verstärkte finanzielle Kunstförderung - von der Auflockerung der kulturpolitischen Strukturen. Die Übersichtlichkeit der schweizerischen Kunstproduktion in ihrer Formationsphase wich einer Fragmentierung, welche die Förderpolitik herausforderte. Das Projekt zeichnet diese Vorgänge in ihrer historischen Veränderung seit den 1950er Jahren nach. Nebst der historischen Quellenkritik wird die Netzwerkanalyse eingesetzt, ausserdem findet eine Befragung zentraler Akteure im Rahmen einer Oral History statt. Das Vorhaben basiert auf (kunst-)historischen und kultursoziologischen Ansätzen, die mit Blick auf ökonomische Theorien kritisch evaluiert werden. Bis anhin wurden Zusammenspiel von Marktprozessen und symbolischer Wertproduktion im Schweizer Kunstbetrieb von der Forschung kaum behandelt. Durch die Frage nach den Akteursgruppen und Aushandlungsprozessen in diesem Bereich verspricht das Projekt Aufschluss darüber zu geben, wie in der Schweiz Kunst produziert, bewertet, gefördert, gehandelt und im nationalen Rahmen sowie in transnationalen Zusammenhängen symbolisch valorisiert wurde. In politisch-gesellschaftlicher Hinsicht ermöglicht es die Vermittlung von Einsichten, die für die gegenwärtigen oft schwierig zu überblickenden Suchbewegungen im Bereich der Kunst- und Kulturförderung von Interesse sein können.