Die Rolle von Vertrauen in Kreditbeziehungen und Bankensystemen im diachronen Vergleich

Das Projekt ist Teil des transdisziplinären Forschungsvorhabens «Vertrauen verstehen. Grundlagen, Formen und Grenzen von Vertrauen» (Collegium Helveticum, ETHZ / UZH). Es untersucht mittels zweier Teilvorhaben Prozesse der Vertrauens- und Misstrauensbildung in Kreditsystemen. Das eine Teilprojekt, das in der globalen Zeitgeschichte angesiedelt ist, widmet sich der Ausweitung von Mikrofinanz seit den 1970er-Jahren. Das andere Teilprojekt beschäftigt sich mit der alltäglichen Praxis des Schuldenmachens und «Kreditierens» in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Mit den beiden Teilprojekten wird eine zeitlich und räumlich vergleichende Perspektive eingenommen, die problemorientiert eine Reihe von Fragen und Diskussionspunkten behandelt. Aus akteurszentrierter Perspektive werden mithilfe von qualitativ-interpretativen Methoden die historisch und soziokulturell wandelbaren Wahrnehmungen von Kleinkrediten und die changierenden Praktiken der Kreditvergabe analysiert.

Barbara Grimpe
Effiziente Märkte? Die überraschende Expansion «weiblicher» Mikrofinanzen aus den ökonomischen Nischen der Entwicklungszusammenarbeit in die globale Wall Street Finance.

Das Postdoc-Projekt untersucht auffällige diskursive und praktische Umschwünge im Mikrofinanzwesen von den 1970er-Jahren bis heute. Im Zentrum steht das Vordringen von Mikrofinanzen in die globalen Finanzmärkte, das sich in Expertendiskursen und in der beobachtbaren Investitionspraxis seit wenigen Jahren abzeichnet. Diese Expansion ist insofern überraschend, als Mikrofinanzinstitutionen in den 1970er-Jahren von vielen Experten gerade nicht als Banken, sondern als soziale Wohlfahrtsorganisationen angesehen wurden; die Zielgruppen von Mikrofinanzen schienen gerade nicht formal kreditwürdig und die Kriterien der Kreditvergabe gerade nicht universell vergleichbar zu sein; so schien das Mikrofinanzwesen eben auch nicht global rating-fähig zu sein. Das Projekt untersucht mit wirtschaftssoziologischen und –anthropologischen Methoden, inwieweit und wie genau Mikrofinanz-Investitionen in den letzten Jahren dennoch den Rang marktfähiger Assets erlang haben. Wie konnte es historisch zu diesem hochgradig von Marktterminologie durchsetzten Diskurs und zur Investitionsbereitschaft globaler Geschäftsbanken kommen? Welche ökonomischen Begriffe, welche Konzepte von Geschlecht, welche ökonomischen Bewertungsverfahren kommen dabei ins Spiel? Wie wird, wenn überhaupt, bei privaten Anlegern über große räumliche und kulturelle Distanzen hinweg Vertrauen in Mikrofinanz-Investitionen aufgebaut? Diesen Fragen wird anhand einer Diskursanalyse der Expertenliteratur zu Mikrofinanzen der letzten 40 Jahre und mithilfe von ethnographischen Tiefeninterviews mit Finanz- und Entwicklungsexperten nachgegangen.

Mischa Suter
Borgen, Fordern, Rechtfertigen. Schuldenmachen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts – eine Rechts- und Erfahrungsgeschichte.

Das Dissertationsvorhaben untersucht die soziale Praxis privater Kreditbeziehungen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Die Arbeit legt einen Schwerpunkt auf die Periode 1830–1870, als zentrale juristische, ökonomische und symbolische Konzepte des liberalen Kapitalismus sich akzentuierten. Im Alltag des Borgens und Leihens trafen diese Konzepte auf sozial hochgradig verflochtene Personen, und die Arbeit untersucht, welche Bewertungen, Klassifikationen und Konflikte mit diesen wandelnden sozialen Beziehungen verbunden waren. Die Arbeit nimmt das Recht (verstanden als soziales Handlungsfeld) und Selbstzeugnisse in den Blick und fokussiert dabei einen besonderen Moment in der Kreditbeziehung: die Zahlungsunfähigkeit. Gefragt wird, welche Wissensformen in der Evaluation von Werten, Pfänder und symbolischen Garantien auftraten und mit welchen Mitteln SchuldnerInnen sich rechtfertigten. Mittels einer Kulturgeschichte der Zwangsvollstreckung und einer Erfahrungsgeschichte privater Verschuldung wird damit ein Beitrag zum historischen Verhältnis zwischen Subjektivität und Ökonomie versucht.